Spuren – 11/2020

Mit den Polaroid-Fotos klappt das jetzt schon besser, aber der Faktor der Überraschung ist weiterhin sehr hoch bei dieser täglichen kreativen Suche nach den imaginären Strukturen.

2. November 2020 (Bach-Museum)

Transformation auf Durchreise, schöne Aussicht in der Nähe, hier fühle ich mich sofort wie ein König der Leere, wo das Nichts alles sehr bewußt umgarnt und dann endlos verwuselt, und nur in dieser absoluten unendlichen Stille höre ich schliesslich wirklich jeden noch so fernen Laut ganz deutlich.

4. November 2020 (Schaufenster)

Ich habe das Gefühl, daß wir vielleicht gerade etwas Neues ins Rollen bringen im hiesigen Bärengrund.

17. November 2020 (Nazi-Skulptur)

Ein Männlein steht in der Allee
ganz still und stumm, es hat vor lauter Testosteron keinerlei Mäntlein um. Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht in der Allee allein, mit verlogenem Pathos auf der blanken Brust.


Ein Männlein steht hier immer noch auf beiden Beinen und Sockel, und hat auf seinem Schädel kein schönes Käpplein an. Die grünblauen Haare in der Sonne künden vom Ende dieser Ära, wäre nur eine Bombe hier gefallen vor gut siebenundsiebzig Jahren.

12. November 2020 (Verteilerkasten)


Die Bären sind losgelassen rund ums Olympiastadion, da kann der Winter nicht mehr fern sein

19. November 2020 (Rabengedanken)

Jetzt frei wie ein Vogel zu sein, in der Tat eine feine Sache, sich aufzuschwingen in die hohen Lüfte auf dem Weg in den warmen Süden übers Mittelmeer, die Sahara und den Sahel bis in den dichten Dschungel des Äquators ein schöner Traum. Dabei ließe sich die Welt auch gut von oben betrachten und verlöre ganz plötzlich ihre aktuell pandemischen Schrecksekunden.

23. November 2020 (Ausflug am See)

26. November 2020 (Polaroid-Sofortbilder – unmögliche Optik)

Unsere Augen sind tastende Finger, wandelbare Figuren. Wie Babys heischen sie augenblicklich nach etwas, das es doch nicht geben kann. Der Blick auf das Gegenüberliegende mag verfrüht erscheinen, jedoch ist er ein Versuch in der Verzerrung einen Anhaltspunkt zu finden. Die Optik kann nur entschleiern, was wir glauben wollen.

28. November 2020 (Bahnanlagen)

An den vergessenen und schon lange nicht mehr genutzten Gleisen im weiten und wilden Niemandsland stolpere ich über diese mysteriöse Botschaft, aber wer sich dahinter verbirgt, leider nicht klar und doch nirgends etwas darüber zu finden. Hier ist schon lange kein Zug mehr gefahren, und so sprießt hier jetzt ein sehr ungezwungenes Dickicht auf den verfallenen Schienenwegen, bald gar schon ein richtiger Wald geboren auf alter Transporttechnik. Dieser moderne Dschungel mitten in der Stadt lädt so ein zu einer wahren Zeitreise im nebligen Herbst – dabei aber kein Durchkommen zur Endstation möglich und immer so weiter.

29. November 2020 (Brückenpassage)

Texte/Fotos/Grafiken: © Ulli Kattenstroth, 2020.