Schneller Wohnen im Hotel Honka

Im Frühjahr 1978 zog es mich ins verrückte West-Berlin, einer lebendigen und inspirierenden Stadtinsel, die von einer dummen Mauer umgeben war. Diese wurde 1961 von den Ost-Berliner Behörden errichtet, um den unstillbaren Wunsch nach grenzenlosem Wandel zu bremsen.

In West-Berlin war das Leben so anders als im östlichen Teil, der ein anderer Planet zu sein schien, weit entfernt und hinter einer unterkühlten Betonmauer mit Wachtürmen versteckt auch so gar nicht erreichbar. Und West-Berlin war ein wahrer Schmelztiegel der verschiedensten Subkulturen und Menschen von überall her, die nach einem anderen Leben suchten. Aber die eingemauerte Stadt hing immer am Subventionstropf der Bundesregierung in Bonn und war auch mehr als 30 Jahre nach Kriegsende noch von den Alliierten des Zweiten Weltkriegs besetzt – ein absurder Status Quo.

Wandfries am Haus des Lehrers in Ost-Berlin, Walter Womacka, 1964

Eine normale Stadtentwicklung war unter diesen herausfordernden Bedingungen ziemlich schwierig, es gab immer noch Ruinen aus dem Zweiten Weltkrieg in der weiten und heterogenen Stadtlandschaft, und noch schlimmer, viele der typischen Häuser aus dem späten 19. Jahrhundert waren auch aufgrund von Misswirtschaft ungenutzt und leerstehend  oder wurden als sehr erwünschte spekulative Objekte von skrupellosen Investoren missbraucht.

Vor diesem Hintergrund bildete sich Anfang der 1980er Jahre eine breite Hausbesetzer-Bewegung in West-Berlin mit dem Ziel, derartige Häuser wieder instandzusetzen und zu gebrauchen.

Marilyn Green, Rainer Warzecha and Christoph Böhm
„Modell Deutschland“, Berlin-Kreuzberg, 1981

Dieses riesige Wandbild an einer Hausfassade beschreibt ziemlich gut den aufständischen Geist jener Tage, als es in der Innenstadt mehr als 130 besetzte große Wohnhäuser gab. Es war eine aussergewöhnliche und auch sehr ausgeflippte Zeit in Berlins Geschichte, die so auch viele neue Handlungsoptionen und Freiheiten ermöglichte, die vorher völlig unbekannt oder schlicht undenkbar waren.

Blick auf den Hinterhof, Foto: Christiane Richter

Collage aus vor Ort gefundenen Materialien (1981)

Ein wahrhafter Kick war für mich der ganze phantastische Müll und die diversen Hinterlassenschaften früherer Bewohner, welche im ganzen Areal des legendären ‚Hotel Honka‘ zu finden waren, einem von mir 1981 mit besetzten leerstehenden Haus in der Kreuzberger Böckhstraße.

Fassade des besetzten Vorderhauses, Foto: Christiane Richter

Das verruchte Hinterhaus des Hotel Honka, Foto: Christiane Richter

Das hintere Haus wurde irgendwann im Laufe des Jahres 1981 von Punks okkupiert, die im Laufe der Zeit zu Skins und Nazis mutierten. Dort residierten die sogenannten Hitler-Babys in ihrem selbst geschaffenen Führerbunker. Das war daher eine sehr faszinierende, aber nicht unbedingt immer gerade romantische Zeit dort bis zur Räumung im Jahr 1982. Vielleicht ziehen mich deshalb Ruinen bis heute so magisch und unwiderstehlich an?!

Die Zeit steht scheinbar einen Moment still in der Graefestr. 75 um die Ecke, heute sieht es dort fast noch genauso aus. Foto: Ralph Schmid

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Walzer der Synapsen – ein Rückblick auf das Werdende vom Baron

Nach der ersten REM-Schlaf-Phase werde ich von folgendem Einfall aufgeschreckt, den ich nur kurz zwischen Traum und Wachsein skizzieren will, auf das er festgehalten werde und morgens nicht schon wieder in Vergessenheit gerät. Wenn wir noch den Atem dazu haben, kann das Label H.H. auch künftig für multiformale Entgrenzung & DUB im Netz stehen. Es kann gelingen und man darf dran scheitern. Das Rätsel, das Phänomen Hotel Honka – nur wenige werden sich an den Ur-Mythos erinnern können, gut dass es im Internet kaum einen Hinweis darauf gibt – als freischwebender Trabant im digitalen Universum, hier & da Markierungen, Skandierungen absondernd. Nicht mehr, nicht weniger. 

Tanz auf dem Vulkan, Foto: Ralph Schmid

Es war eine spezifische Umstände- und Zeitverdichtung, die uns zusammen brachte. Vielleicht der radikale Zufall, der letztlich keine Kontinuität gestattet. Ich hatte das zeitweise bedauert und betrauert. Es kamen noch die amourösen Geschichten dazu – ekstatisch und dramatisch. Wir waren ein spezieller Haufen leutseliger Egozentriker/innen. Das unterschied uns, glaube ich, von anderen Besetzern. Und im Hinterhaus war Hölle, eine Prost-moderne Hieronymus Bosch Vision! Wie hätte der Meister des Schreckens und der Lüste wohl das ‚Kalb’ oder diesen bedauernswerten ‚Waldheim-letzten- Mieter’ festgehalten, dem die neuen Nachbarn eine tote Ratte an die Wohnungstür klebten?  Oder den zahnlosen Säufer mit heraushängendem Schrumpel-Schwanz? Mein Herz hing am dort ansässigen Kreuzberger Zahnbürsten-Verleih, einem Unternehmen, das ganz ohne staatliche Hilfen und aus eigenen Kräften den sicheren Weg in die Insolvenz gefunden hatte. Poesie pur. Hätte daraus mehr werden können? Eher nein, doch schade. Träume und Schäume. So aber bleibt diese Zeit Mythos – entledigt aller Alltäglichkeit.

Wandbild vom Artbase-Festival 2019 in Alt-Strelitz

Mensch ja, auch Filmprojekte entstanden … Leider ist aus meiner Karriere als postmoderner Charakterdarsteller nichts geworden, weil ich am ‚Text’ gescheitert bin oder mich scheitern lassen habe. In meiner Grandiosität bedauerte ich das, weil mir eine gewisse Unverwechselbarkeit durchaus eigen gewesen war. Träumen war ja ein wunderbarer Lifestyle-Effekt im Hause Honka. Tatsächlich glaube ich, dass am ehesten freischwebende Worte und Bilder unser damaliges Lebensgefühl einfangen können. So viele Geschichten, Träume, Absurditäten, Melodramen. Die Dame mit dem kurzen Haaren kommt mir irgendwie bekannt vor, doch kann ich sie nicht mehr klar zuordnen. Vielleicht war sie die Freundin einer Frau, die nur kurz bei Hawa im unteren Stockwerk wohnte, ein fesches Junkie-Girl, mit Connections zu Axels ehemaliger Braut.

Punkfrau in der Böckhstraße, Foto: Ralph Schmid

Über ihrer Matratze hatte sie sich stilvoll einen schwarzen Strumpfgürtel an die Wand genagelt. Bei ihr verkehrte eine kurzhaarige Frau, war es jene auf dem Foto? Und ist Kalles Super-8-Film eigentlich verschollen, den er auf dem Dach des Hotels drehte, als nebenan, die Abrisskugeln in das Fabrikgebäude des „Büro Berlin“ schossen? Dort trafen wir uns mal zum Fotoshooting, bis das Kalb aus Langeweile die Bude anzündete und die Hitler-Babys zu den Flammen Polka tanzten. Wir mussten flüchten. In Kalles Film sieht man unsere Badewanne auf dem Dach, die Yümi mit einem Trittroller stoisch umrundet – eingehüllt vom Staub der einstürzenden Altbauten.

Stilleben im Hotel Honka, Foto: Ralph Schmid

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Zurück in der Gegenwart

Und wie sieht es heute dort aus? Dort wo einst das besetzte Haus und ein Gebäude mit Fabriketagen stand, hat eine Schule Platz gefunden, deren untere Fassade und Fenster dank unzähliger Tags, Graffitis und wilden Aufklebern kaum zu erkennen ist.

Der aufsässige Geist lebt hier weiterhin

Über dem neuen Schuleingang eine Figur aus der abgerissenen Fassade des Hotel Honka

Es gibt zwar Fahrradstrassen jetzt dort im Kiez, sogar bunte urbane Gärten auf den Verkehrsinseln und/oder Brachflächen, nur bezahlbarer Wohnraum ist immer mehr eine schiere Utopie.

 

Veröffentlicht von suburban tracker

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