Besteigung des Berges Sinai in Ägypten

Warum wandert eine weltliche Person wie ich auf den mythologischen Berg Sinai (arabisch: Gebel Musa, 2.285 m) im Oktober 1985? Der Moses-Berg liegt im Herzen einer bergigen Wüste auf der gleichnamigen Halbinsel, nun, ich muß wirklich mein Gehirn und mein Gedächtnis anstrengen, da ich während dieser selbstorganisierten 4-wöchigen Reise durch ganz Ägypten vor langer Zeit kein Tagebuch geschrieben hatte. Zumindest existieren noch ein paar analoge Fotos,  und die müssen daher als unterstützende Schreibanleitung dienen.

In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war das Reisen viel aufregender und unvorhersehbarer als heute. Zur Vorbereitung meiner Reise nach Ägypten habe ich lediglich ein Flugticket nach Kairo gebucht, ein wenig im Voraus gelesen und einen Reiseführer zur Orientierung mitgenommen, der mich sehr zuverlässig zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten des Landes führte. Ich hatte jedoch nie ein Problem, irgendwo eine Unterkunft zu finden, nur hingehen und fragen musste ich, während ich manchmal einfach mit Händen und Füßen kommunizierte. Ich sprach kein Arabisch und in Ägypten sprachen nicht alle Englisch, besonders in den ländlichen Gebieten.


Im südlichen Sinai wurden viele Steininschriften aus dem 15. Jahrhundert vor Christus gefunden. Sie sind in Piktogrammen geschrieben, Zeichen, die die Anfangskonsonanten von Wörtern darstellen, deren Bedeutung zuvor durch ein Bild vermittelt wurde – eine entscheidende Phase zwischen bildlicher Darstellung und phonetischer Schrift.

Jean Starcky / Pierre Bordreuil, 1975, „L’Invention de l’alphabet“

Ich erreichte den Sinai mit dem Bus von Kairo nach Suez, dort nahm ich ein Sammeltaxi, einen alten Peugeot, der von einem örtlichen Beduinen mit großem Stolz gefahren wurde. Der Fahrer hielt von Zeit zu Zeit in der Sinai-Wüste an, wo Beduinen in Zelten wohnten, um ein kleines Gespräch zu führen oder um nur einfach mit der rechten Hand zu winken. Die linke Hand darf aus Gründen, die ich nicht im Detail erläutern möchte, nicht zum Begrüßen oder Essen verwendet werden. Das Einzige, was ich in dieser Hinsicht raten kann, immer Taschentücher aus Papier bei sich zu haben, da das gewohnte Toilettenpapier oft nicht verfügbar war, stattdessem nur eine Flasche Wasser. Das Sammeltaxi brachte mich schließlich völlig sicher ins Zentrum des Sinai und zum griechisch-orthodoxen St. Katharinen-Kloster (siehe nächstes Foto unten).


Das Kloster ist ein ziemlich belebter Ort mitten in der Wüste an der Öffnung einer Schlucht am Fuße des Berges Sinai und ist zudem UNESCO-Weltkulturerbe. Das Gebäude ist eines der ältesten christlichen Klöster der Welt und wurde zwischen 548 und 565 erbaut, es bietet auch die älteste kontinuierlich betriebene Bibliothek der Welt. Der Name stammt aus der antiken Überlieferung, dort erzählt man sich die Geschichte von Katharina von Alexandrien, einer christlichen Märtyrerin, die zum Tode durch Rädern verurteilt wurde, als dies sie nicht töten konnte, wurde sie enthauptet. Die christliche Mythologie besagt, dass Engel ihre sterblichen Überreste später zum Berg Sinai brachten, wo Mönche aus dem nahen Kloster ihre Überreste um das Jahr 800 fanden. Viele christliche Pilger besuchen diesen Ort, und das Kloster bietet ihnen und allen anderen, die hier sein und/oder wie einst Moses auf den Berg klettern möchten, eine Bleibe.


Hier in einer spektakulären Wüstenlandschaft mit all diesen alten Geschichten und Erwartungen zu sein, war schon ein ganz besonderes Erlebnis. Soweit ich mich erinnern kann, verbrachte ich zwei Nächte im Kloster, und an einem sehr frühen Morgen um ca. 4 Uhr, als alles noch völlig dunkel und mysteriös war, begann der Aufstieg zum Berg Sinai zusammen mit ungefähr 40 Personen. Zu dieser Zeit ist es in der Wüste kühl und angenehm, so dass das Marschieren nach oben nur etwa 2,5 Stunden auf einem nicht allzu schwierigen Weg dauerte. Kurz vor Sonnenaufgang erreichten wir die Spitze des Berges Sinai, in diesem Moment waren alle umliegenden anderen Berge in ein surreales Blau und Grün getaucht (siehe Foto oben und unten). Es gab eine große Gruppe von Pilgern aus Österreich, die nach dem Singen eines christlichen Liedes mit großem Pathos die Hymne ihrer Heimatlandes Tirols sangen. Dies machte alles nur noch irrealer, weil im Hintergrund ägyptische Kaufleute laut schrien: „Chai. Hot tea.“ Und normalerweise würde man am frühen Morgen nicht so viel Leben inmitten einer Wüste auf alpinen Höhen erwarten.


Oh nein, ich habe nun wirklich keine Erleuchtung auf dem Berge Sinai gefunden, aber die magische Berglandschaft war wirklich einen Besuch wert. Die Wüste ist ein sehr puristischer Ort dabei aber auch höchst riskant, sie kann unserer Geist reinigen oder schlichtweg töten. Viele Europäer sehen die Wüste romantisch, wie es detailreich in Filmen wie ‚Lawrence von Arabien‘ gezeigt wird. Jeder Beduine zieht es allerdings vor, in einer Oase mit Wasser und Grün zu bleiben – eine simple Frage des Überlebens.


Die Sinai-Wüste ermöglicht viele Entdeckungen wie Canyons aller Farben, prähistorische Tempel oder den Besuch einer alten Oase. Nach meinem Besuch des Berges Sinai verbrachte ich einige Zeit am Roten Meer, zuerst im ziemlich touristischen Sharm El-Sheikh und danach im eher Hippie-ähnlichen Dahab mit einfachen Strohhütten, die von lokalen Beduinen am Strand vermietet wurden. Dort in Dahab war das Leben damals sehr einfach und entspannt, eine wirklich schöne Erinnerung an dieses besondere und erstaunenswerte Land.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von suburban tracker

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