365 Tage-Projekt / Poesie des Fährtenlesens

Hier einige Beispiele von solchen nun jeden Tag aufgelesenen Spuren und Polaroid-Sofortbildern, diese Seite wird kontinuierlich bis zum Ende am 30. September 2021 aktualisiert und ergänzt.

30. Dezember 2020 (Abrisse)

Das alte Jahr geht nun zu Ende, nun noch etwas Zeit sich neu zu finden oder zu sammeln.

10. Dezember 2020 (Freiraum)

Dichte Nebel streifen die dämmerige Ruine, und der noch schlafende Fluss wird langsam von eisigen Winden des nahenden Winters geweckt. Ein Ausblick öffnet sich bald im langsam zerfallenden Haus, ein Loch in der Wand über dem Abgrund, nun heißt es sehr gut Obacht geben. Ich mache schnell ein Foto.

7. Dezember 2020 (Schemen)

Im Labyrinth der neuen Stille haufenweise Zeichen und irrende Querverweise, diese verwaschenen Schilder künden von Dingen, die sowieso nie stattfinden. Nur die Träume von Leben gedeihen hier erquicklich, während das ewige Wandern zur nächsten Ecke weiter zieht.

30. November 2020 (Stützpfeiler)

26. November 2020 (Polaroid – unmögliche Optik)

Unsere Augen sind tastende Finger, wandelbare Figuren. Wie Babys heischen sie augenblicklich nach etwas, das es doch nicht geben kann. Der Blick auf das Gegenüberliegende mag verfrüht erscheinen, jedoch ist er ein Versuch in der Verzerrung einen Anhaltspunkt zu finden. Die Optik kann nur entschleiern, was wir glauben wollen.

23. November 2020 (Ausflug am See)

19. November 2020 (Rabengedanken)

Jetzt frei wie ein Vogel zu sein, in der Tat eine feine Sache, sich aufzuschwingen in die hohen Lüfte auf dem Weg in den warmen Süden übers Mittelmeer, die Sahara und den Sahel bis in den dichten Dschungel des Äquators ein schöner Traum. Dabei ließe sich die Welt auch gut von oben betrachten und verlöre ganz plötzlich ihre aktuell pandemischen Schrecksekunden.

12. November 2020 (Verteilerkasten)


Die Bären sind losgelassen rund ums Olympiastadion, da kann der Winter nicht mehr fern sein

17. November 2020 (Nazi-Skulptur)

Ein Männlein steht in der Allee ganz still und stumm, es hat vor lauter Testosteron keinerlei Mäntlein um. Sagt, wer mag das Männlein sein, das da steht in der Allee allein, mit verlogenem Pathos auf der blanken Brust.


Ein Männlein steht hier immer noch auf beiden Beinen und Sockel, und hat auf seinem Schädel kein schönes Käpplein an. Die grünblauen Haare in der Sonne künden vom Ende dieser Ära, wäre nur eine Bombe hier gefallen vor gut siebenundsiebzig Jahren.

4. November 2020 (Schaufenster)

Ich habe das Gefühl, daß wir vielleicht gerade etwas Neues ins Rollen bringen im hiesigen Bärengrund.

2. November 2020 (Bach-Museum)

Transformation auf Durchreise, schöne Aussicht in der Nähe, hier fühle ich mich sofort wie ein König der Leere, wo das Nichts alles sehr bewußt umgarnt und dann endlos verwuselt, und nur in dieser absoluten unendlichen Stille höre ich schliesslich wirklich jeden noch so fernen Laut ganz deutlich.

25. Oktober 2020 (Tageszeitung)

18. Oktober 2020 (Hafenanlage)

Einige Orte sind wie illustre Worte, die nur symbolisch Räume schaffen, gefüllt mit zahllosen Windfetzen der weichen und fernen Subtropen, kryptische Häfen, die sich entlang zeitloser Klippen endlos strecken, jenseits des Fluchs jener Sinne.

14. Oktober 2020 (Werbung)

Wie in Trance durch die verwundete Stadt, wo einige Ladengeschäfte bereits aufgegeben sind. Der Corona Rock’n Roll geht aber unvermittelt weiter, denn eine bodenlose Panik im absoluten Lähmungszustand kriecht nun herum überall. Und die Menschen hinter den grotesken Masken eilen in ihre privat organisierten Exile der Metropole, höchste Zeit nun endlich wieder auf das weite grenzenlose Land zu fahren.

7. Oktober 2020 (Bahnhof)

Die mir noch nicht vertraute Technik von Polaroid mit den Sofortbildern stellt sich nun als extrem mystifizierend heraus. Ich finde es hierbei faszinierend, auf diese Art ganz neue Dimensionen der Umwelt um mich herum zu entdecken. Noch 359 Tage bleiben mir jetzt für weitere Exkursionen auf derartig verschlungenen Pfaden dieser jetzt noch verborgenen Welten.

30. September 2020 (Konzept)

Am 1. Oktober 2020 starte ich mein neues Projekt „Poesie des Fährtenlesens“ mit rein analogen Mitteln und Wegen, welches mich dann 1 Jahr lang jeden Tag wo auch immer begleiten wird.

Ich selber habe keine Idee oder Ahnung, wohin das sobald führen wird, und das ist der eigentliche Plan dieses imaginativen Bewegens durch die ganz reale Welt. Dabei sind meine Werkzeuge doch recht überschaubar: eine gerade erst gekaufte Polaroid-Kamera, ein Kugelschreiber, 4 Fotoalben und natürlich Klebstoff.

Mein 5. Versuch mit Polaroid im Vorfeld, wunderbar diese leicht antike, aber doch revolutionäre Technik – schon nach wenigen Momenten ein Realfoto in den Händen

Jeden Tag bin ich auf der Jagd nach den imaginären Spuren des Lebens, oft vollkommen unsichtbar verteilt in den diversen Traumzeiten um uns herum. Ich mache davon jeden Tag nur ein einziges Polaroid-Foto, dies wird ins Album geklebt ergänzt durch möglichst poetische Eingebungen oder Zustandsberichte. Fundstücke von vor Ort werden auch hinzugefügt und/oder collagiert. Mit dieser Art von Retro- Technik geht es folgerichtig hinein in eine dynamische Poesie des Alltags.

 

Texte/Fotos/Grafiken: © Ulli Kattenstroth, 2020.